wir leben in einer Zeit des Lärmens. Zuhause haben wir Radio
und Fernsehen, draußen den dröhnenden Moloch
Straßenverkehr. Und in Beruf und Gesellschaft regieren
Angst und Hektik, die uns in einen ständigen Zeitdruck versetzen.
Dazu kommt die Werbung mit allen ihren
Aufdringlichkeiten, durch die in uns Bedürfnisse für eigentlich
nicht notwendige Dinge erzeugt werden sollen. Wir leben
inzwischen damit - freiwillig oder unter Zwang. Inzwischen
gibt es unzählige Menschen, besonders Kinder, die nicht mehr
ruhig sitzen und zuhören können.
Warum tun wir uns so etwas an? Warum nehmen viele
Menschen dieses ganze Getöse hin, regen sich aber gleichzeitig
über das fröhliche Geschrei von Kindern auf? Ist unser
Wunsch vielleicht: unsere Ruhe - ja, Zeit der Stille - nein?
Sind wir auf der Flucht vor der Stille? Oder wollen wir gar
Gott den Mund verbieten?
Die Geschichte unseres Volkes sollte uns doch Stille lehren: In
diesen Novembertagen vor 70 Jahren brannten in Deutschland
die Synagogen. Damals hatte das Regime der Nazis mit Hilfe
vieler Zeitgenossen die Menschen einer ganzen Kulturnation in
Haftung genommen. Und doch wurde uns nach diesem
Rassenwahn und den Kriegsfolgen ein vereinigtes und freies
Deutschland zurückgegeben. Und unser eigenes Leben mahnt
uns: Da gibt es neben allen schönen und guten Dingen doch
auch Schuld und -hoffentlich- Vergebung.
Oder die denkwürdige Begegnung mit dem Tod, wenn die
Glieder der Familie am Bett des Verstorbenen schweigend
zusammensitzen. Wenn die Gedanken eines Jeden in der
Erinnerung an diesen Menschen zurückgehen oder der
Gedanke an das eigene, mitunter recht nahe, Ableben sich meldet.
Die Heilige Schrift kennt einen großen König in Israel, der
Gott an seiner Seite wusste: David. Auch er war nicht allmächtig,
auch er war in seinem Leben nicht ohne Schuld, aber erhielt sich
an Jahwe, den Gott der Väter (und Mütter). David
hat uns eine Dichtung hinterlassen, die wir als den Psalm 62
nachlesen und bedenken können. Der große König stellt sich
unter Gott: Er weiß sich ganz abhängig, aber er weiß sich auch
ganz geborgen. In der Stille, im Hören auf Gott findet er Kraft
und Mut. Und er lässt an seiner Brücke zwischen Zeit und
Ewigkeit bauen.
Liebe Leserin, lieber Leser, wir alle, Sie und ich, brauchen
diese Stille, damit Gott zu uns reden kann. Vielleicht halten wir
uns dabei einfachan den Psalm 62.“Meine Seele iststill zu Gott, der
mir hilft…“
In diesem Sinnewünsche ich
Ihnen in der Zeit des Erntedankes, aber auch in der Zeit des
trauernden Gedenkens die Stille, in der Gott spricht: Ganz persönlich, ganz verbindlich.
Mit herzlichem Gruß
Hans-Dieter Klocke