Unsere Kirchengemeinde nimmt EU-&NRW-kofinanziertes Elektrofahrzeug offiziell in Betrieb
Der Raum ist vorbereitet, die Tische sind gedeckt. Nach und nach treffen die Gäste des neu gegründeten Sylbacher Mittagstisches ein. Auch Günter Schäfermeier ist dabei. Mit seinem Rollstuhl wird er bis zum Veranstaltungsort gebracht. Kaum angekommen, beginnen die Gespräche.
„Ich habe viele lange nicht mehr gesehen, dafür bin ich nicht mehr mobil genug“, erzählt Schäfermeier. „Deshalb ist dies eine richtig gute Aktion. In Gesellschaft schmeckt das Essen gleich noch einmal besser.“
Damit Menschen, die nicht mehr selbst mobil sind, an solchen Angeboten teilnehmen können, braucht es jedoch auch eine Möglichkeit, zum Veranstaltungsort zu gelangen. Genau hier setzt ein neues Projekt der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Sylbach an: der „Partizipationsbulli“.
Am Donnerstag, 3. September, wurde das reine Elektrofahrzeug im Rahmen des Sylbacher Mittagstisches offiziell in Betrieb genommen. Das Projekt trägt den Titel „Der Partizipationsbulli für Jung und Alt in der Region“ und wurde aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Nordrhein-Westfalen kofinanziert. Neben dem Fahrzeug wurde im Rahmen des Projekts auch eine Wallbox mitfinanziert. Einen Eigenanteil brachte die Kirchengemeinde selbst auf.
Mobilität schafft Teilhabe
Der Bulli soll dazu beitragen, Menschen unterschiedlichen Alters die Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben zu ermöglichen. Gerade für ältere Menschen kann fehlende Mobilität dazu führen, dass Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten immer seltener werden.
„Angehörige sind oft berufstätig oder wohnen gar nicht in Sylbach“, erklärt Brigitte Schnittgerhans, Vorsitzende des Diakonieausschusses. „Deshalb war klar: Wenn wir einen Ort der Begegnung schaffen wollen, haben viele nur die Möglichkeit zur Teilnahme, wenn wir sie abholen.“
Beim Sylbacher Mittagstisch engagieren sich regelmäßig mehr als zehn Ehrenamtliche. Sie kümmern sich um die Vorbereitung, die Bewirtung und auch um die Fahrdienste. Das Projekt ist vollständig ehrenamtlich organisiert.
Der neue Partizipationsbulli soll dabei nicht nur für den Mittagstisch genutzt werden. Bereits jetzt gibt es in der Kirchengemeinde zahlreiche Angebote, bei denen Mobilität eine wichtige Rolle spielt. Dazu gehört beispielsweise die Aktion „Sylbach kauft ein“. Hier begleiten Ehrenamtliche Seniorinnen und Senioren beim Einkauf.
„Bisher sind die Ehrenamtlichen dafür mit ihren Privatwagen gefahren“, berichtet Brigitte Schnittgerhans. „Nun sind auch ein Rollstuhl oder Rollator kein Problem mehr.“ Auch beim Gemeindenachmittag, dem Klöncafé und weiteren Angeboten kann das Fahrzeug künftig zum Einsatz kommen.
Mit Sonnenenergie unterwegs
Bei der Auswahl des Fahrzeugs wurde darauf geachtet, dass es für die ehrenamtlich Engagierten gut nutzbar ist. Trotz seiner Größe ist der Bulli wendig und soll von möglichst vielen Fahrerinnen und Fahrern problemlos gefahren werden können. Ein niedriger Einstieg erleichtert den Zugang, während ausreichend Platz für Rollatoren und Rollstühle vorhanden ist.
Als reines Elektrofahrzeug passt der Partizipationsbulli zudem zu den bereits durchgeführten energetischen Maßnahmen der Kirchengemeinde. Eine Photovoltaikanlage auf dem Pfarrhaus war bereits zuvor im Rahmen energetischer Sanierungen installiert worden. Über die ebenfalls geförderte Wallbox kann das Fahrzeug geladen werden. „Wir sind ökologisch und kostengünstig unterwegs, denn wir ‚tanken‘ mit Hilfe von Sonnenenergie vom Pfarrhausdach“, sagt Ulrich Rehse, Vorsitzender des Finanzausschusses.
Förderung nach dem „Bottom-Up“-Prinzip
Das Projekt wurde im Rahmen des LEADER-Förderprogramms der Region Verein(t) – regional.gesund.digital unterstützt. LEADER fördert Projekte, die von den Menschen und Organisationen vor Ort entwickelt werden. Nach dem sogenannten „Bottom-Up“-Prinzip können Vereine, Ortsgruppen, Kommunen oder auch Einzelpersonen eigene Projektideen einbringen.
Die Lokale Aktionsgruppe der LEADER-Region setzt sich aus ehrenamtlichen Vertreterinnen und Vertretern aus Herford, Vlotho und Bad Salzuflen zusammen und entscheidet über die eingereichten Projekte. Die Kofinanzierung der Projekte erfolgt durch die Europäische Union und das Land Nordrhein-Westfalen.
Nicht nur für Seniorinnen und Senioren
Der Name „Partizipationsbulli“ macht deutlich, dass das Fahrzeug Menschen die Teilhabe ermöglichen soll – und zwar generationenübergreifend. „Partizipation soll nicht nur für Ältere gefördert werden“, betont Ulrich Rehse. „Ich denke dabei auch an Fahrgemeinschaften bei Kinder- und Jugendaktionen oder an die Indiaca-Jugendmannschaft des CVJM.“
Die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Sylbach hat rund 2000 Mitglieder. Fast 200 von ihnen engagieren sich ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen. Neben Angeboten für ältere Menschen soll der Partizipationsbulli deshalb künftig auch Kindern und Jugendlichen zugutekommen und beispielsweise Fahrgemeinschaften zu Aktionen und Veranstaltungen ermöglichen. Der Bulli kann aber nicht nur von der Kirchengemeinde genutzt werden, erklärt Brigitte Schnittgerhans: „Wir freuen uns, wenn auch weitere Akteure vor Ort die Partizipation fördern und den Bulli bei uns anfragen.“
Für Günter Schäfermeier steht der konkrete Nutzen des neuen Fahrzeugs allerdings schon jetzt fest. Der Mittagstisch bietet ihm die Möglichkeit, Menschen wiederzusehen und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Und so steht auch die nächste Verabredung bereits. Auf dem Weg nach Hause ist man sich einig: „Beim nächsten Mittagstisch – gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiches Fahrzeug.“
